Mikail – große Bühnen, kleine Gesten und rote Socken
Zwischen Zirkuskunst, Improvisation und feinem Humor: Mikail verrät, warum für ihn die Nähe zum Publikum entscheidend ist und weshalb kein Auftritt dem anderen gleicht.
Mikail Karahan ist Zirkuskünstler, hat in Brüssel studiert und ist seit 2018 international auf den Bühnen unterwegs. Bei der aktuellen Produktion des „Feuerwerk der Turnkunst“ ist er gleich in beiden Formaten zu erleben: in der großen Arenashow hope und in der intimen Bühnenshow RAW – hier auch als Titelmotiv. Ein Gespräch über Nähe und Weite, Improvisation und rote Socken.
Mikail, Du hast schon viele Bühnen und Shows erlebt. Welche Bedeutung hat Dein Auftritt für das Feuerwerk der Turnkunst?
Ich bin einfach unglaublich fasziniert davon, wie sich diese Show über die Jahre entwickelt hat. Aus einer coolen Idee – einem Danke-schön an die Ehrenamtlichen – ist eine riesige Produktion geworden. Das beeindruckt mich, und es ist eine Ehre, selbst ein Teil davon zu sein.
Inwiefern unterscheidet sich das Feuerwerk der Turnkunst von den Shows, bei denen Du sonst auftrittst?
Besonders spannend finde ich, dass das Feuerwerk der Turnkunst in einem Turn-Kontext stattfindet. Da sind professionelle Turnerin-nen und Turner mit dabei, die eine ganz andere Sprache auf der Bühne verkörpern. Das sind Codes, die ich aus dem Zirkus gar nicht so kenne. Ich habe selbst mal ein bisschen Leistungsturnen gemacht. Die Arbeit mit dem Körper funktioniert in einem ganz anderen Rahmen, wenn ich am Barren, am Reck oder am Sprung arbeite. Natürlich ist das auch Körperarbeit und Koordination – aber eine andere Kommunikation als bei mir als Zirkuskünstler. Ich glaube, das kann eine Bereicherung in beide Richtungen sein.
Welche Besonderheit hat „on stage“ im Vergleich zu hope?
Die extreme Nähe. Die Zuschauenden sind so nah, dass man die Mimik sieht, dass es fast schon physisch spürbar ist. Und das ist ein Vorteil: Das Publikum kann mich sehen, und ich kann das Publikum sehen. Da ist der intime Kontakt zum Publikum der eigentliche Raum. Ich kann subtilen Humor und eine feine Sprache einsetzen, weil die Menschen ganz nah dran sind. In der Arena hingegen musst du es schaffen, die Leute heranzuholen – auch die, die 50 Meter entfernt sitzen. Du kannst nicht nur mit visuellen Reizen arbeiten, sondern brauchst verschiedene Mittel: direkten Austausch, Konzentration schaffen, mit dem Licht arbeiten. Die Frage ist immer: Wie verkleinere ich diesen riesigen Space?
Inwiefern musst Du Deine Acts anpassen?
Da brauche ich eine generelle Offenheit – den Versuch, immer agil zu sein, neue Shows, neue Bühnen, mich auf neue Stimmungen einzulassen. Und gleichzeitig zu wissen: Wenn ich mit meinem Act in eine bestimmte Show komme, was ist wichtig für diesen Act? Über die Jahre lernt man als Künstler, was man kommunizieren will und wie man einen Space schafft, in dem die Leute mitkommen und sich nicht verloren oder konfrontiert fühlen. Manchmal tut es gut, einen Kontrast zu den anderen Nummern zu haben; manchmal ist es herausfordernd zu spüren: Hier bin ich an einem Punkt in der Show, wo ich die Leute erst einmal abholen muss. Aber das macht auch Spaß.

Wie lernt man so etwas?
Viele Dinge, die ich auf der Bühne mache, haben sich in Shows entwickelt, die ich länger an einem Ort gespielt habe – wenn ich mir irgendwann Freiraum nehmen und Neues aus-probieren konnte. Oder es sind Sachen, die aus Versehen passiert sind, gerade bei Improvisation und Situationskomik. Damit das entsteht, muss erst ein Raum da sein. Ob frontal oder 360 Grad, das macht einen unglaublichen Unterschied. Wo geht der Fokus hin? Welche Dynamik entsteht? Ich versuche, das nicht als Hindernis zu sehen, sondern als Möglichkeit, Neues zu finden.
Was ist an Deinen Acts „RAW“?
Ich versuche, in dem, was ich auf der Bühne mache, immer sehr nah an dem zu bleiben, wie ich bin und wie ich mich fühle. Trotz einer gewissen Spannung versuche ich, bei mir zu bleiben und Authentizität zu kreieren. Was mir Spaß macht, ist der Moment: die Kommunikation und Improvisation mit dem Publikum. Das ist echt, ungeprobt und ungeschminkt und in diesem Sinne sehr RAW. Natürlich ist es auch eine Reproduktion von Spannungen, die Du aber jedes Mal wieder neu erlebst. Du lernst verschiedene Wege, Dich in eine bestimmte Situation zu bringen: sei es physisch reell, wenn Du auf einem Trampolin springst und reagieren musst, oder durch einen Text, der dich mit jemandem in Austausch bringt. Das ist am Ende eine Frage der Methodik. Bei der Improvisation sammelt man natürlich ein Repertoire an. Aber das macht es nicht weniger authentisch, weil Du in dem Moment reagieren musst und das Publikum es miterlebt. Der Impuls ist immer echt.
Du trittst aktuell immer mit roten Socken auf. Wie viele Paar rote Socken hast Du?
Momentan leider nur ein Paar. Ich sollte mir unbedingt ein paar neue kaufen. Es gab mal eine Zeit, da hatte ich 15 Paar Socken. Die meisten rot, ein paar blau, und einmal hatte ich sogar orange. Die roten Socken sind eigentlich aus einer „Survival“-Geschichte entstanden – eine Rolle, in der ich auf der Bühne sehr viel rutsche und falle. Das Rutschen, das Hinfallen, das hat sich einfach durch die Kostüm-Wahl entwickelt, durch das Tragen von Socken.
Was ist das Besondere an diesen Socken?
Die Socken haben ein Loch an einer bestimmten Stelle, damit ich im Studio nicht die ganze Zeit rutsche, sondern auch Grip habe. Und eine Ledereinlage, damit manche Sachen nicht so weh tun.
Text: Heike Werner